Die Geschichte vom faulen und risikoscheuen Schweizer Studenten

Immer wieder, wenn Ausländerdiskussionen aufkommen und sich der Fokus der Öffentlichkeit auf die Hochschulen wendet, wird der Mangel an Schweizer Forschern beklagt. Von vielen Seiten, vor allem professoraler , hört man dann, dass die Schweizer Studenten einfach zu faul und risikoscheu seien für eine Forscherkarriere. Doch ist diese Analyse richtig?

 

 

Eine Sache vorweg, die Situation von Forschern in der Schweiz ist besser als in vielen andern Ländern. Aber das ist nie der Grund, sich für oder gegen eine Karriere zu entscheiden. Sonst müssten sich die Schweizer auch en masse für Karrieren beim Putzpersonal entscheiden, denn dort ist die Situation auch besser als im Ausland. Entscheidend sind doch die Optionen die man selbst hat und kein virtueller Vergleich.

Die Probleme sind der Forschung immanent, aber die Schweiz unternimmt auch zu wenig, um die Probleme zu dämpfen.

 

Doch schauen wir uns nun mal eine solche Forscherkarriere an. Ich spreche nun mal von Naturwissenschaftlern, da ich diese Situation aus eigener Erfahrung kenne.

 

Sie haben als Ihr Studium beendet. Gratuliere, Sie können stolz auf sich sein. Sie haben etwas erreicht. Im Vergleich zu einem einfachen Handwerker, haben Sie nicht nur mehr in Ihre Bildung investiert, Sie haben bisher auch rund eine Viertel Million Franken Lohn verzichtet. Sie sind jetzt rund 25ig. Sie wollen Forscher werden? Und Sie haben einen Professoren gefunden an Uni/ETH, welcher Ihnen ein Doktorat anbietet? Gratuliere. Sie werden dank ihrer hervorragenden Ausbildung weniger Lohn erhalten als eine neue, ungelernte Kassiererin in der Migros. Dafür haben Sie nun gegen oben offen Überstunden. Und an der Uni kriegen Sie noch nicht mal einen Vertrag, Sie bekommen eine Arbeitsverfügung, wie zu guten alten Sklavenzeiten wird nun über Sie verfügt. Ihre Anstellung gilt aber sowieso nur für ein Jahr. Danach kann Sie ohne Begründung nicht mehr erneuert werden.

Sind Sie sicher, dass Sie nicht lieber einen gut bezahlten Job in der Privatwirtschaft wollen? (Die meisten werden diese Option wählen)

 

Sie haben ihr Doktorat beendet. Gratuliere, Sie können stolz auf sich sein, sie haben etwas erreicht. Sie sind jetzt rund 30ig und haben im Vergleich zu Ihren Kommilitonen in der Privatwirtschaft auf ein Einkommen von rund einer Viertel Million Franken verzichtet. Sie wollen jetzt Post-doc werden? Gratuliere. Das heisst weiterhin maximal Einjahresverträge. Jetzt aber nicht mehr an einer Uni, jetzt wird erwartet, dass Sie in der Welt herumkommen. Maximal 2/3 Jahre am gleichen Ort. Sie sind jetzt ein moderner Landstreicher mit Doktortitel. Klar, die Bezahlung ist etwas besser als bisher als Doktorand. Aber im Vergleich zu Privatwirtschaft immer noch signifikant tiefer.

Sind Sie sicher, dass Sie nicht lieber einen gut bezahlten Job in der Privatwirtschaft wollen? (2 von 3 werden diese Option wählen)

 

Sie haben nun Ihre 4 Post-doc-Stelle hinter sich, und trotz vieler Bewerbungen noch keine Professorenstelle. Gratuliere, Sie sind nun rund 40ig und haben im Vergleich zu Ihren Kommilitonen in der Privatwirtschaft nochmals auf über eine Viertel Million Einkommen verzichtet. Sie haben bisher die Familienplanung rausgezögert, da Familie nicht vereinbar war mit ihren regelmässigen internationalen Umzügen. Dann aber schnell, sonst ist dieser Zug abgefahren, wenn er nicht schon längst den Bahnhof verlassen hat.

Sind Sie sicher, dass Sie weiterhin versuchen möchten Professor zu werden? (auf 10 Post-docs gibt es vielleicht eine Professorenstelle)

Sie wollen jetzt doch noch in die Privatwirtschaft? Vergessen Sie's aber, dass Sie dort noch je Karriere machen werden, Sie sind zu alt! Ihnen fehlen über 10 Jahre Berufserfahrung im Lebenslauf. Studienabbrecher werden nun Ihre Chefs sein. Aber Sie werden es trotzdem lieben. Mit 40 Jahren werden Sie zum ersten Mal in Ihrem Leben ein geregeltes Einkommen, einen langfristigen Arbeitsvertrag und hoffentlich bezahlte Überstunden haben.

 

Sie wurden Professor. Gratuliere, Sie haben die Spitze erreicht. Ihre Karriere ist am Ende angekommen. Sie verdienen plötzlich überdurchschnittlich gut, aber Sie sind ja auch derjenige, der sich durchgesetzt hat gegen ein paar Dutzend Konkurrenten, die mit ihnen ein Doktorat gemacht haben. Dumm nur, hätten Sie in der Privatwirtschaft so viel Einsatz gezeigt und sich erfolgreich durchgesetzt gegen Konkurrenten, dann wären ihr Einkommen ein Vielfaches. Und wäre es schon während des ganzen Aufstiegs gewesen.

 

Nein, der Schweizer Student entscheidet sich nicht gegen die Forschung, weil er faul oder risikoscheu wäre. Er entscheidet sich dagegen, weil so ziemlich jede Alternative, inkl. Arbeitslosigkeit, eine bessere Alternative ist. Eventuell ist der Schweizer Student faul und risikoscheu (und wer nicht risikoscheu ist, forscht nicht, der macht sich selbstständig). Der Grund für die wenigen Forscher sind einfach die vergleichsweise schlechten Arbeitsbedingungen und Perspektiven in der Forschung. Und alles andere ist keine Geschichte, sondern eine Mär.

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